Previous Next

Der Geisterseher

Der Geisterseher ist ein Romanfragment von Schiller, zeittypische Elemente wie Geisterbeschwörung, Spiritismus und Verschwörungen kamen den Leseerwartungen entgegen und brachte Schiller zu Lebzeiten den größten Publikumserfolg und beeinflusste nachhaltig die spätere deutschsprachige romantische Schauer- und Kriminalliteratur. 

Der Geisterseher ist ein Romanfragment von Schiller, zeittypische Elemente wie Geisterbeschwörung, Spiritismus und Verschwörungen kamen den Leseerwartungen entgegen und brachte Schiller zu Lebzeiten den größten Publikumserfolg und beeinflusste nachhaltig die spätere deutschsprachige romantische Schauer- und Kriminalliteratur.

Trotz großem Echo schrieb Schiller keine Fortsetzung. Viele Autoren versuchten sich seitdem an der Fortführung der Erzählung. Zuletzt der skandalumwitterte Bestsellerautor Hanns Heinz Ewers im Jahre 1922. Der deutsche Schriftsteller, Filmemacher, Globetrotter und Kabarettist Ewers, der sich zeitlebens dem Vorwurf zur Wehr setzen musste, seine Werke seien trivial, unmoralisch oder pornografisch, beschreibt im Nachwort des Buches die öffentlichen Reaktionen.

Ewers berichtet, als die Öffentlichkeit von seiner Arbeit an einer Fortsetzung erfuhr, ging ein Sturm der Entrüstung durch die Presse. Es war das allererste Mal, dass er die Presse aller Parteien völlig einig sah. Das „Berliner Tageblatt“ schrieb, „dass man nun endlich wisse, wer den Einbruch in die Weimarer Fürstengruft begangen habe“; ein konservativ-antisemitisches Blatt nannte ihn „einen perversen Judenjungen, dessen widerlicher Reklamesucht nichts heilig sei“; eine unabhängig sozialistische Wochenschrift beschimpfte ihn als einen „pornographischen Nichtskönner, der stets nur mit fremden Federn prunke“. Eine weitere konservative Zeitung vermutete den kindischen Versuch eines talentlosen Maulhelden, gegen die Jesuiten Stimmung zu machen. Ich war ein Verbrecher, so Ewers, einstimmig verurteilt von allem, was öffentliche Meinung macht in deutschen Landen. Aber was hatte ich getan, so fragte der Autor.

Ewers interpretiert Schillers Gedanken konträr zur allgemeingültigen Auslegung der Erzählung. „Der Geisterseher“ war für ihn die Geschichte eines Verbrechens, aber Schiller benennt das Verbrechen nicht, bleibt vage bei Andeutungen. Eine logische Fortsetzung kann nur als Ziel das Entschleiern des Verbrechens haben, das Verbrechen als Handlungsmittelpunkt definieren. Ewers verurteilte die Interpretationen der Literaturhistoriker als haarsträubenden Unsinn.

Ewers über „Robert Boxberger, ein deutscher Literarhistoriker:“Der lüderliche Marchese Civitella ist wie sein Onkel, der Kardinal, eine Kreatur der Jesuiten. — Eine andere feile Kreatur der Jesuiten wird dem Prinzen in den Weg geworfen: er geht in das Netz der schönen Griechin. Aus Eifersucht ersticht er ihren Geliebten, den von den Jesuiten geopferten Civitella. Die Griechin stirbt vor Schmerz; er hat zwei Menschenleben auf dem Gewissen, eine furchtbare Schuldenlast erdrückt ihn — er ist reif zum Übertritt. Er ist ein willenloses Werkzeug der Jesuiten geworden usw.!“ — So liest ein Universitätsprofessor seinen Schiller.“

Keine Silbe davon steht, so Ewers, im Fragment! Civitella ist ebenso wenig wie sein Onkel eine „Kreatur der Jesuiten“; beide lässt Schiller vielmehr den „Bucintoro“ angehören, den er deutlich als einen Zirkel des Illimunatenordens charakterisiert — als eine Verbindung also, die die Gesellschaft Jesu bekämpft! Nirgends ist bei Schiller der Prinz auf Civitella eifersüchtig — auch tötet er ihn keineswegs; vielmehr lässt Schiller den Marchese Civitella ausdrücklich genesen. Auch stirbt die „Griechin“ — die bei Schiller eine Deutsche ist — keineswegs an Schmerz; sondern an Gift, und bei ihrem Tode ist der Prinz noch keineswegs „reif zum Übertritte zur katholischen Kirche“, er wehrt sich vielmehr mit aller Kraft dagegen! Der Herr Professor schwatzt eben seinen Unsinn einfach drauf los, so der Autor!

Mehr soll an dieser Stelle vom sehr lesenswerten Nachwort nicht verraten werden. Zu dieser überarbeitenden Buchausgabe:

Der Text wurde dezent an einigen Regeln der Neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, zudem sind über dreißig Begriffe, die heute nicht mehr so geläufig sind, mit Fußnoten belegt. Zusätzlich enthält diese Ausgabe „Das philosophische Gespräch “ und 12. Illustrationen.


Drucken   E-Mail

Related Articles